Eine Schulpolitik

Vernunft in der Schulpolitik oder Sisyphos in Austria

Gut kann ich mich noch an meine Bläuäugigkeit als junger Waldorf-Vater vor 18 Jahren erinnern.

Die Diskriminierung von Schulen in freier Trägerschaft sah ich als Relikt des 20. Jahrhunderts an, das zu beseitigen einfach nur vergessen wurde. Bestätigt sah ich mich durch die fast einhellige Meinung aller Bildungsexperten und Politiker, dass hier Handlungsbedarf bestehen würde und das Privatschulgesetz von 1962 nicht mehr der Wissensgesellschaft des 3. Jahrtausends entsprechen würde. Es ist paradox, dass bei diesem Thema die Zustimmung so groß und breit ist, die Umsetzung durch Reformen aber gegen Null geht.

Was haben wir nicht alles versucht: Unzählige Gespräche mit Politikern aller Couleurs, Bürgerinitiativen mit -zigtausend Unterschriften, Verhandlungen mit dem Bildungsministerium, Teilnahme an Parlamentsenqueten und vieles mehr. Und das Ergebnis? Die Förderung von Waldorfschulen ist nach einem kurzen Zwischenhoch im Jahr 2008 auf beschämende 726,- Euro pro SchülerIn/Jahr gesunken. Nur zum Vergleich: Für einen Schüler einer NMS wendet unser lieber Vater Staat ca. das Fünfzehnfache (!!!) auf als für einen Waldorfschüler. Und wer hier mit dem Argument der esoterischen, weltfremden Alternativschulen kommen will, den verweise ich auf die jüngste PISA-Studie und die Waldorf-Matura-Quote von etwa 70 %. Unsere Waldorfschulen zeigen eindeutig vergleichbare Leistungen um‘s halbe Geld - eigentlich eine Ohrfeige für das staatliche Bildungssystem.

Inzwischen sind unsere Forderungen wieder „gerichtsanhängig“. Es läuft eine Klage vor dem VfGH, die momentan eine „Schleife“ über den BVG nimmt, dann hoffentlich bald wieder vor dem VfGH verhandelt wird. Unsere Bürgerinitiative „FreieSchulwahl 2.0“ ist irgendwie in die neue Legislaturperiode „gerutscht“ und wird am 5.6. im Unterrichtsausschuss des Parlaments behandelt, zugleich mit einem Antrag der NEOS auf Gleichstellung unserer Schulen.

Apropos Unterrichtsausschuss: Bezeichnend für die Realität in der Bildungspolitik und ein Beispiel für vieles ist die Stellungnahme der jetzigen SP-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid im Unterrichtsausschuss vom März 2018: Sie hält die Gleichstellung aller Privatschulen bei der öffentlichen Finanzierung für berechtigt. Gerade die Schulen in freier Trägerschaft hätten stets wichtige Anstöße zu neuen pädagogischen Modellen geliefert.
In ihrer Amtszeit als Unterrichtsministerin war es trotz dringender Bitten und Anfragen unmöglich, auch nur einen Gesprächstermin bei ihr zu bekommen.

Die Gründe für diese Reformresistenz sind schwer durchschaubar und werden nur selten offen ausgesprochen. Aus meiner Sicht und langen Erfahrung sehe ich zwei Hauptwiderstände gegen die Gleichstellung unserer Schulen:

Einerseits die Angst der Lehrergewerkschaften vor einer Systemöffnung, Autonomie, Vergleichbarkeit und Konkurrenz. Jahrzehnte der Blockade haben ihre Spuren hinterlassen, die Furcht vor Veränderungen verstellt den Blick auf das große Potential einer echten Schulautonomie, die mehr Handlungsfreiheit und Engagement für alle PädagogInnen bringen würde, die jetzt von den Fesseln der überbordenden Schulbürokratie gehemmt werden.

Andererseits die Angst von politischen Organen und Behörden, von ihrer großen Macht in Schulen loszulassen und Eigenverantwortung zu ermöglichen. Autonome Schulen werden Fehler machen und hoffentlich daraus lernen, aber wesentlich größer ist der Mehrwert an Innovation, Bürgernähe und Demokratie, der durch Freiheit und Selbstverantwortung am Schulstandort entsteht.

Es gibt aktuell Gespräche mit Politikern aller Parteien, vor allem mit dem Thema, wie die neue Regierung ihre im Regierungsprogramm verankerte Forderung „Subventionsvergabe an nicht-konfessionelle Privatschulen nach objektiven und nachvollziehbaren Kriterien“ umsetzen will.

Momentan überwiegt hier der Tenor, dass man die Sache wohlwollend betrachtet, es aber leider an freien Budgetmitteln fehlt. Vielleicht erinnert man sich daran, dass auch wir Waldorfeltern Steuermittel für das staatliche Bildungssystem nebst unserem hohen Schulgeld leisten. Es geht um ca. 30-40 Mio Euro jährlich (bei einem Bildungsbudget von 8 Mrd.), falls man alle 6000 SchülerInnen an Schulen in freier Trägerschaft voll finanzieren würde. Übrigens haben wir Waldorf-Schuleltern dem Staat seit Bestehen unserer Schulen mit grob geschätzten 500 Mio Euro ausgeholfen, für eine eigentlich von ihm zu erfüllende Staatsaufgabe .

Oft werde ich gefragt, warum ich nach 18 Jahren immer noch für die Gleichbehandlung unserer Schulen kämpfe. Drei Gründe geben mir immer noch Mut und Kraft, das Mögliche zu versuchen:

Ein persönlicher Grund:

Ich glaube noch immer an die Umsetzbarkeit der Menschenrechts-Charta, die Eltern die freie Wahl der Schule aus erzieherischen Gründen garantiert. Bei allem Respekt vor dem Recht des Staates als Geldgeber, Rahmenbedingungen für Schulen zu erlassen – in erster Linie liegt es in der Freiheit und Verantwortung von uns Eltern, die passende Schule für unsere Kinder auszuwählen!

Ein wirtschaftlicher Grund:

Als Unternehmer denke ich, dass sich Österreich nicht auf Dauer ein Bildungssystem leisten kann, das im OECD-Schnitt gesehen so teuer und nur von durchschnittlicher Qualität ist. Unbestritten ist Geld für Bildung nie schlecht angelegt, dies schliesst aber Effizienz nicht aus. Schulautonomie ist nach allen Studien ein Hauptkriterium für Fortschritte im Bildungssystem.

Ein pädagogischer Grund:

Ich bin von der Qualität unsere Pädagogik überzeugt, trotz aller Fehler, die auch bei uns passieren. Für nicht wenige SchülerInnen sind unsere alternativen Modelle jene Schulen, in denen sie am besten gedeihen können. Und gerade in Zeiten der überbordenden Systematik, Standardisierungen, Prüfungsvereinheitlichungen etc. sind Schulen mit unseren Schwerpunkten notwendiger denn je.

Trotz aller Frustration werden wir nicht locker lassen, im Gegenteil, im kommenden Jubiläumsjahr 100 Jahre Waldorf“ werden wir unsere Bemühungen intensivieren und zählen dabei auf die Mithilfe alles Mitglieder unserer Waldorfgemeinschaft.

Wir hoffen auf zahlreiche Beteiligungen und Eigeninitiativen im Jubiläumsjahr, auf einen erfolgreichen Verlauf unserer Fundraising-Kampagne „10 Euro für Waldorf 100“ und auf einen Erfolg unserer VfGH-Klage.

Und vor allem hoffen wir immer noch auf die Vernunft in der Schulpolitik, die ja stark auf das Thema „Schulautonomie“ setzt. Auf die Einsicht, dass Schulautonomie sich nicht verordnen lässt, sondern dass dafür Freiheit gegeben werden muss. Unsere Schulen leben diese Autonomie und könnten Beispiele für alle anderen Schulen geben.

Wie sich Schulautonomie in Österreich umsetzen liesse und welche Argumente dafür sprächen, habe ich in meinem Abstract „Schulautonomie für Österreich“ vor einigen Jahren zusammengefasst - der Text ist aktueller denn je: http://www.freieschulwahl.at/pdf/4.Schulautonomie_fuer_OEsterreich.pdf

Text: Edgar Hernegger (Bundeselternsprecher der österreichischen Waldorfschulen)

Vernupft in der Schulpolitik