Pippi und die Waldorfpädagogik

Pippi Langstrumpf wurde während des Zweiten Weltkrieges in Schweden geboren, geistig versteht sich, im Kopf ihrer Schöpferin.

Pippi ist Freigeist und Querdenkerin. Sie blickt anders auf die Dinge. Daher kann sie ihr eigenes Einmaleins erfinden. Sie ist ein Mensch der Tat und des Mutes, und zwar des außerordentlichen Mutes. Hierin gleicht sie Harry Potter, dem jugendlichen Helden unserer Tage. Beide schauen nicht nur in die Welt, sondern handeln in der Welt, so wie es ihrer Überzeugung und ihrem Gerechtigkeitsgefühl entspricht. Daher strömen ihnen Sympathie und Bewunderung zu. Hätten Pippi oder Harry im Österreich jener düsteren Zeit gelebt, man hätte ihrem Dasein ebenso wie dem der Waldorfpädagogik ein Ende bereitet. Die Achtung aller Menschen, ein freier Blick und selbstbestimmte Handlungsbereitschaft waren unerwünscht.

Immer wieder wurde gefragt, wie es geschehen konnte, dass auf eine ungewöhnlich intensive Blütezeit der Künste und Wissenschaften, wie sie der Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte, auf einen Gipfelpunkt der Rationalität hin, die Katastrophe zweier Weltkriege folgen konnte. Nicht erst im Nachhinein, sondern bereits während der großen Verdunkelung beschäftigten sich die Philosophen jüdischer Herkunft Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrem amerikanischen Exil mit dieser Frage. 1944, in dem gleichen Jahr, in welchem Astrid Lindgren die Lichtfigur der Pipi vollendete, veröffentlichten sie ihre Dialektik der Aufklärung. Darin entwickeln sie eine komplexe Theorie zu dem ungemein schwierigen Thema. Während Adornos und Horkheimers Arbeiten wie eine Weitwinkelaufnahme erscheinen, findet sich bei dem österreichischen Zeitzeugen und Publizisten Milan Dubrovic in Diagnose des Literaturcafés eine Studie in Nahaufnahme:

Wir hatten unseren Verstand zwar in unzähligen Diskussionen und Gesprächen geschult und geschärft – das Café war ein Ort, um das Denkhandwerk zu erlernen –, aber dieser trainierte Intellekt machte uns zugleich unfähig, die Realität zu sehen, die Gefahren richtig einzuschätzen, während die Tagespolitik bereits in wilde Exzesse und Turbulenzen ausartete. Unser Verstand war vom Wunschdenken blockiert, nach dem Rezept, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Dieses Verhalten betraf nicht nur die Herrenhof-Insassen (= die Stammgäste des Cafés Herrenhof in der Herrengasse, heute Hotel Steigenberger, HF), es war für die Intellektuellen in der ganzen demokratischen Welt charakteristisch. ...

Was diese Literaten, Journalisten, Vaganten und Tagträumer positiv miteinander verband, war die fast allen gemeinsame kosmopolitische Gesinnung. Ihre kritische Distanz zur Tagespolitik war mit Überheblichkeit behaftet. Sie brach in sich zusammen und führte zu einem Zustand sprachloser Wehrlosigkeit, die in resignierende Ohnmacht mündete, als dann die Katastrophe tatsächlich hereinbrach. Karl Kraus: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“

Diese Typen waren über die ganze zivilisierte Welt verbreitet, man traf sie im „Romanischen Café“ oder im „Größenwahn“ in Berlin ebenso wie im Pariser „Dôme“ oder „Café Flore“, im Prager „Continental“ oder „Arco“, im Budapester „Abbazia“ oder im Züricher „Odeon“ und im Café „Verbano“ in Ascona. Überall bewegte man sich in einer hochintellektuellen aber wirklichkeitsfremden Gesellschaft.

Die Herren, von denen hier die Rede ist, waren blitzgescheit und redegewandt. Mit ihren Gedanken schürften sie tief und flogen hoch, bauten Luftschlossarchitekturen, aber sie fanden den Link zum Tätigwerden nicht. Es war, als ob eine Art Lähmung vorliege. Pippi und Harry hätten weniger Worte verloren, dafür umso energischer gehandelt, und das beim ersten Auftreten verdächtiger Anzeichen.

Gewiss gab es auch Intellektuelle anderen Zuschnitts, als Dubrovic sie porträtiert: Klaus Mann zum Beispiel, der bereits in den vorgerückten 20er Jahren die Bestialität der künftigen Machthaber klar erkannte und 1930 in einem Vortrag vor dem Wiener Kulturbund deutlich Position gegen die NSDAP bezog. 1933, nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, ging er in den aktiven Widerstand. Doch offenbar reichte die Anzahl solcher Geister zum Erreichen der kritischen Masse nicht aus, die es zum Auslösen einer Kettenreaktion braucht. So wurde die erste Waldorfschule auf österreichischem Boden 1938 von den Nationalsozialisten geschlossen.

Der Begründer der Waldorfpädagogik Rudolf Steiner war wie Pippi ein Freigeist, ein Querdenker und ein Handelnder. In unzähligen Vorträgen wies er immer wieder darauf hin, dass geistige Arbeit mit der Lebenswirklichkeit in Verbindung stehen und in dieser fruchtbar werden müsse. Andernfalls wirke sie auf Dauer aushöhlend bis zerstörerisch. Kurz und bündig, nichtsdestotrotz im feierlichen Ton der Weimarer Klassik, schreibt Altmeister Goethe in Wilhelm Meisters Wanderjahre:

Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat.

Angewendet auf unser Metier würden wir Nüchternen heute eher sagen: Waldorfpädagogik möchte Menschen befähigen und ermutigen, aus der Quelle der Empathie heraus verantwortungsvoll in der Welt tätig zu werden.

Mit jugendlicher Frische dachte Steiner gegen den Strom seiner und selbst noch unserer Zeit. Ein Beispiel: Er sah die Aufgabe des Staates darin, Raum für Bildung zur Verfügung zu stellen, nicht aber Inhalte und Methoden vorzugeben. Dadurch wollte er das Heranziehen systemkonformer Menschen vermeiden. Vielmehr vertraute er darauf, dass in Freiheit erzogene Menschen sich das ihnen gemäße System selbst erschaffen. Diese Systeme hätten des Weiteren den Vorteil der permanenten Aktualisierung durch die jeweils nachwachsende Generation.

Ein Vergleich der Pädagogik mit der Kunst kann erhellend wirken: Der Staat soll Kunstausübung ermöglichen, nicht aber darf er beispielsweise einem Maler vorschreiben, was und wie er zu malen habe. Das Gleiche, was für die Kunst gilt, forderte Steiner auch für die Pädagogik. Beide müssen frei sein, sollen sie zur Blüte kommen. Nicht ohne Grund sprach er von Erziehungskunst.

Pippi ist ein Archetyp des freien Menschen. Daher wollen alle Kinder Pippi sein und nicht Tommy oder Annika. Pippi singt: Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt. Darin mag man Gefahren erblicken, was berechtigt ist, wenn man den Freiheitsbegriff zu eng fasst. Steiner erkannte aber, was Pippi, die das Herz am rechten Fleck hat, fühlt: nämlich, dass wirkliche Freiheit nur in Verbindung mit Verantwortung existiert. Eine Zunahme an Freiheit bedeutet immer auch eine Zunahme an Verantwortung. Und tatsächlich setzt Pippi ihre enorme Kraft – sie kann allein ein Pferd hochheben – ein, um Anderen zu helfen, nicht um sich Machtzuwachs zu verschaffen. Das unterscheidet sie von einer Despotin.

Gegenwärtig stehen, was die politische Bühne betrifft, die Zeichen wieder einmal auf Abdunkelung. Diversität wird von Teilen der Bevölkerung und der Politiker nicht als evolutionäre Chance, sondern als Hindernis gesehen. Ausgrenzung und Abschottung werden als Antworten genannt. Es wird übersehen, dass Wachstumsprozesse Pluralität zur Voraussetzung haben, andernfalls leitet man Schrumpfungs- beziehungsweise Verarmungsprozesse ein.

Die Anerkennung freier Schulen und der Grad ihrer Förderung durch die öffentliche Hand sind ein wesentlicher Indikator für den Entwicklungsstand eines Staatswesens. Unterdessen dürfen die Insassen, sprich Stammgäste, der freien Schulen ihre Verpflichtung zur Wachsamkeit und Tätigkeit nicht vergessen, wollen sie sich einerseits einer Pippi würdig erweisen und anderseits die nächsten 90 Jahre ohne unliebsame Unterbrechungen erleben. Die Waldorfschule – Villa Kunterbunt, die sie ist – hat in einer von geistiger Monochromie und Verengung bedrohten Welt einen wichtigen Auftrag.

 

Text: Holger Finke (Oberstufenlehrer für Mathematik, Physik und Kunstgeschichte, Dozent am Zentrum für Kultur und Pädagogik Wien)

Foto: Daniel Lobo

 

Foto: Daniel Lobo